Beginnen wir von vorne: Nehmen Sie Ihre Kamera in beide Hände und schauen Sie durch den Sucher. Sie sehen einen rechteckigen Ausschnitt der Welt (abhängig davon wo sie sich befinden) wie sie sich uns präsentiert. Die dunkle Umrandung visualisiert zugleich die Begrenzung, die uns den Charakter eines Ausschnitts anbietet. Sie können sich dagegen zunächst nicht wehren, aber der automatische Ausschnitt, der sich Ihnen präsentiert lenkt sie intuitiv.

Das Schema zeigt einen Rahmen. Der menschliche Blick wird von der Mitte angezogen und geht von dort nach oben, links, unten und rechts. Die Ecken werden durch die dunkle Umrandung im Sucher hervorgehoben und als solche wahrgenommen: Der Eindruck der Umrahmung wird dadurch rein biologisch verstärkt. Wird das Bild nun durch horizontale und/oder vertikale Linien, verschiedenen Formen, Größen und Farben ausgestattet, so verändert sich die Perzeption und auch das Rahmenverhalten. Das Bild wird insgesamt dynamischer.
Die passiert auf verschiedene Art und Weise. Ein einfacher Versuch soll zeigen, wie die Interaktion zwischen Rahmen und (Bild)Motiv mithilfe weniger Linien im Bildmotiv verändert werden kann.
Hierzu dient ein Bürohochhauskomplex an der Spree. Wir positionieren und arrangieren unsere Kamera derart, dass mehrere Linien mit den jeweiligen Rahmenkanten korrespondieren.
Wir erhalten einen Effekt, der die eigentliche visuelle Inkongruenz unsichtbar macht. Das Motiv schmiegt sich an dieser Stelle an die Rahmung, was die Perspektive wiederum korrigiert.
Auf diesem Beispielbild erzeugen die verschiedenen diagonalen Linien durch die Interaktion mit dem hochformatigen Rahmen Spannung, die sich auf der vertikal-zentrierten Achse befindenen Frau wird zunehmend in den Vordergrund gehoben.